Fräulein Honigohr und die Musketiere

Fräulein Honigohr wirft eine Handvoll graue Steine in die Pfanne und dreht die Flamme höher. „Na los jetzt!“ ruft sie aufmunternd und schwenkt die Pfanne energisch hin und her. Die Steine kullern klackernd gegen den Rand. „Ihr könnt nicht ewig bei mir bleiben, so langsam wird´s Zeit!“
Die Steine weigern sich. Hitze strahlt von ihnen ab wie von Heizpilzen im Winter.
Fräulein Honigohr seufzt ungeduldig. „Was seid ihr bloß für Mimosen. Die Kirschbäume blühen, ihr wisst, was das heißt!“ Sie wartet einen Augenblick. Nichts rührt sich. „Na gut. Dann eben so.“ Sie legt einen Deckel auf die heiße Pfanne. Nach einer Minute hört sie ein lautes Gähnen. „Na also“, murmelt sie.
Geschimpfe wird laut, der Deckel scheppert zu Boden und zum Vorschein kommen fünf graue Gestalten, die sie vorwurfsvoll anstarren. „Du spinnst wohl!“ ruft der Größte, „uns so unsanft zu wecken!“ Er unterdrückt ein gewaltiges Gähnen, und wie auf Kommando gähnen alle fünf, bis ihre Kiefer knacken. „Und viel zu früh! Es ist saukalt bei dir!“
Fräulein Honigohr betrachtet die rotglühende Pfanne und zieht die Augenbrauen hoch. „Papperlapapp! Stellt euch nicht so an! Wir haben Mai und ihr müsst los!“ Sie nimmt die Pfanne am Stiel und geht zum offenen Fenster. „Seht ihr? Los, raus! Stellt Unsinn an, ärgert die Eichhörnchen, verteilt Frühlingsgefühle! Im Herbst sehen wir uns wieder.“
Die fünf Grauen schnuppern in die kühle Luft. „Sie hat Recht“, flüstert der Kleinste, „wir sind schon viel zu spät!“ „Birnenmoder und Maikäferkacke! So viel verpasst! Trennen wir uns?“ Sie legen ihre Hände kreisförmig aufeinander. „Alle für einen – einer für alle!“ Sie werfen die Hände in die Luft und stürzen sich aus der Pfanne. In Sekundenschnelle sind sie verschwunden.
Fräulein Honigohr stellt die Pfanne auf Boden und lehnt sich auf das Fensterbrett. „Hallo, Mai“, flüstert sie glücklich, „deine Musketiere kommen!“

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden. Die Regeln: Drei Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Begriffe lauteten dieses Mal Baracke, widerfahren und lau und stammen von Bernd mit seinem Blog Red Skies Over Paradise. Und organisiert wird alles von Christiane mit ihrem Blog Irgendwas ist immer! Vielen Dank! Heute sende ich mörderische Grüße in die Blogwelt… 😎

20 Gedanken zu „Fräulein Honigohr und die Musketiere

  1. Geht mir gerade wie Sabine. Ich bin voll gerührt ❤️
    Wuuuuunderbar. Fräulein Honigohr hat echt die Gabe für die richtigen Worte. Ich glaube, die Mai-Musketiere bekommen dieses Jahr viel zu tun 😉
    Vielen Dank!!! 😁❤️
    Begeisterte Morgenkaffeegrüße 😁🐞🦋🌼☕🍩👍

    Gefällt 6 Personen

  2. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 18.19.21 | Wortspende vom Bodenlosz-Archiv | Irgendwas ist immer

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