Dein Schweinhund geht spazieren (oder auch nicht)

Dein Schweinhund geht spazieren (oder auch nicht)

Als du deine Strickjacke überstreifst, springt dein Schweinehund vom Sofa und rennt in den Flur. Er stemmt die Pfoten in die Seiten. „Nein! Neinneinnein! Wir werden nicht rausgehen!“
„Natürlich werden wir das“, sagst du und schnürst den ersten Stiefel zu.
„Nein! Auf keinen Fall!“ ruft er und funkelt dich an. „Was sollen wir denn da draußen schon wieder? Da ist alles genauso wie gestern! Und vorgestern!!!“
Du schnürst den zweiten Stiefel zu. „Wir können ja einen anderen Weg nehmen als gestern“, sagst du milde.
Dein Schweinehund heult auf. „Da waren wir doch ü-ber-all schon! Wir sind jeden verdammten Weg in dieser Stadt schon zweimal gegangen! Wieso tust du das? Wieso? Wieso??“ Er jault. Fast bekommst du Mitleid.
„Ach komm“, sagst du versöhnlich, „wir könnten ja was Neues entdecken. Vielleicht blühen heute mehr Krokusse als gestern.“
„Vielleicht, vielleicht… und wenn schon! Das ist doch trügerisch! Wir rennen stundenlang rum, meine Pfoten tun weh, es ist schweinekalt und so sinnlos!“ Bei den letzten zwei Worten piekst er mit seiner Pfote zwei Löcher in die Luft.
„Du kannst mitkommen oder hierbleiben“, sagst du, „es liegt bei dir.“
Dein Schweinehund rennt zur Haustür und stemmt sich in den Türrahmen. Keine Ahnung, wie er das macht, eigentlich ist er gar nicht so groß. „Ich will nicht mit!“, ruft er, „und ich will nicht allein hierbleiben!“
Du ziehst die Augenbrauen hoch. „Bisschen melodramatisch, was?“ fragst du und pflückst eine seiner Pfoten vom Türrahmen.
„Ich hasse Spazierengehen!“ knurrt er, dann lässt er plötzlich den Türrahmen los und umklammert dein linkes Bein.
Jetzt hast du einen Schweinehund am Bein hängen. „Echt jetzt?“ fragst du säuerlich. Dein Schweinehund knurrt und keucht. Er ist ganz schön schwer. Na dann. Entschlossen stapfst du los und fühlst dich unrund. Aber das ist ja nichts Neues. Wer hätte je behauptet, Spazierengehen sei einfach.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, und ich hab kurz vor Schluß gerade noch die Kurve gekriegt… und hatte viel Spaß beim Schreiben dieser Etüde. 😁 Organisiert wird das Ganze von Christiane (vielen Dank!) und die Wortspende kam von Sabine mit ihrem Blog wortgeflumselkritzelkram (den ich sehr empfehlen kann UND sie hat gerade ein Buch veröffentlicht!). Die Worte waren Strickjacke, trügerisch und entdecken, und es dürfen maximal 300 Worte sein. Ta-da! Punktlandung. 😀

24 Gedanken zu „Dein Schweinhund geht spazieren (oder auch nicht)

  1. Spätestens wenn du/ihr die Treppe runtergeht, müsste es ihm doch eigentlich zu blöd sein, oder? 🤣🤣🤣
    Ach, herrlich. Ich kenne die Argumentation sooo gut! Meiner hat vorhin schon „Maskenpflicht, bist du wirklich sicher?“ geflüstert. Aber meist gibt er auf, wenn ich paar Meter vom Haus weg bin 😉
    Danke dir, schön, dass du auch bei dieser Runde dabei bist!
    Mittagskaffeegrüße 😁☕🥐🍎👍

    Gefällt 4 Personen

  2. Ein kleiner Satansbraten mit anscheinend sehr elastischen Beinen, dieser Schweinehund. Gut, dass er nicht auch noch einen Schwanz hat wie ein Marsupilami, sonst hättest du keine Chance.
    Mir gefällt besonders die Formulierung mit dem Abpflücken der Pfoten vom Türrahmen, da höre ich förmlich das saugnaphafte „Plopp!“ – Sehr witzig, die Idee! 😃

    Gefällt 3 Personen

  3. Meiner siegt immer, wenn die Sonne scheint, dann soll ich mich mit ihm im Deckchair suhlen, Spazierengehen geht nur bei trübem Wetter oder wenn es wirklich eisekalt draußen ist. Dafür sind unsere beiden Schwarten auch schon schön braun -:))) Tägliches Schrittziel 7.000 – heute bei der Sonne knapp 400.
    Fröhlicher Gruß zu Dir , Karin lazy bone

    Gefällt 2 Personen

  4. „Da waren wir doch überall schon“…schön! Da musste ich sehr Lachen. Mein Schweinehund würde wahrscheinlich über die Kälte meckern und ich ihm eine Wärmflasche in den arm drücken. Ist aber auch gar nicht so leicht diese Sorte Hund zu überlisten. 😉

    Gefällt 1 Person

  5. Mein Schweinehund musste heute auch seinen Schwanz einziehn, nachdem er einige Tage gesiegt hat, nur in einem musste ich nachgeben, wir waren nicht dort, wo wir die letzten 12 Monate gewesen sind, ich hatte, wie er genug davon und wollte auch keine Blümchen fotografieren, ich wollte endlich mal wieder Urbanität. Da war er dann auch ruhig. Nun sind wir beide zufrieden.
    Geht doch, flüsterte er noch und schlief ein.
    Hach, ich mag deine Schweinehundgeschichten immer wieder so gerne 🙂
    Herzliche Grüße
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

    • Ich glaube, deiner und meiner sind irgendwie verwandt, das „Geht doch“ habe ich auch schon öfter gehört. Ich bin dann heute doch spazierengegangen, und an der Strecke hat ein Bauer sein Feld gedüngt. Diese Blicke! Er musste nicht mal sagen, hab ich es dir nicht gesagt, ich hab ihn auch so verstanden. 😊
      Liebe Grüße von Tanja

      Gefällt 1 Person

  6. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 10.11.21 | Wortspende von BerlinAutor | Irgendwas ist immer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s