Herr Miesling sucht Pilze

Herr Miesling sucht Pilze

Als sein Engel vorbeikommt, sitzt Herr Miesling auf dem Bürgersteig. Er hat sich einen der zerkratzten Kneipenstühle von drinnen geholt und starrt auf die Unkrautwildnis um die Straßenlaterne herum.
„Da biste ja“, sagt Herr Miesling. „Siehste das? Da vorn? Da wachsen Pilze. Zwei Stück.“
Sein Engel beugt sich nach vorn und nickt.
Herr Miesling nimmt einen Schluck von seinem Hemelinger. „Sind Champignons. Oder Knollenblätterpilze. Mein Vadder hat immer gesacht, die isste nur einmal.“ Er lacht. „Mein Vadder… der war Soldat, weisste, der hat nach´m Krieg nich mehr viel gesacht. Der hat lieber geschwiegen. Aber Pilze suchen is er mit uns gegangen, mit meim Bruder und mir. Was ham wir für Pilze gegessen! Der kannte sich echt gut aus, mein Vadder.“ Herr Miesling guckt in seine Bierflasche. „Er war oft traurig, nich. Und müde. Mit´m Schlafen hatte er es nich so, da is er morgens im Dunkeln losgezogen, und mein Bruder un ich sind mit. Meine Mudder hat sie gebraten, in Butterschmalz. War ja auch´n günstiges Essen. Weisste, was mein Lieblingspilz war?“ Sein Engel hebt fragend die Augenbrauen. „Netzstieliger Hexenröhrling!“ Herr Miesling lacht. „Was für´n Name!“ Er lacht noch einmal und lehnt sich zurück. „War schön, damals. So viel Spaß hattn wir mit unserm Vadder ja nich, aber das Pilzesammeln, das war klasse.“ Versonnen nimmt er noch einen Schluck Hemelinger und guckt die Pilze an.
Sein Engel verschwindet in der Kneipe.
„Werner!“ brüllt es von drinnen.
„Was?“ brüllt Herr Miesling zurück.
„Kannste in´n Supermarkt gehen? Ich brauch Schampijons!“
Herr Miesling setzt sich auf. „Wieso?“
„Die Frau will Schampijons auf die Karte setzen. Hatt´n wir noch nie. Aber du weisst ja, was die Frau will… gehste? Du kriegst den ersten Teller für lau!“
Herr Mieslings Gesicht hellt sich auf. „Haste das gehört?“ fragt er seinen Engel.
Aber der ist mal wieder verschwunden.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden. Maximal 300 Worte, enthalten sein müssen dieses Mal Pilze, traurig und schlafen. Organisiert wird das ganze von Christiane, und die Wortspende kam von Lea mit ihrem Blog kommunikatz.

Mal sehen, vielleicht kommt Herr Miesling demnächst öfter mal zu Wort. 🙂

25 Gedanken zu „Herr Miesling sucht Pilze

  1. Herr Miesling (allein der Name), der mit seinem Engel spricht … von dem wüsste ich auch gerne mehr.
    Auch wenn ich dann spontan zwischen Weinen und Lachen schwanke, seufze und „Ach ja“ sagen muss … 😁👍
    Genieß die Sonne! 😁🌞
    Sonntagnachmittaggruß 😁🌞☕🥧👍

    Gefällt 4 Personen

  2. Netzstieliger Hexenröhrling zusammen mit einem Hemelinger kann schon problematisch werden, aber so einen richtigen Norddeutschen haut das ja nicht um, nich? Vor allem, wenn er mir aus dem Umfeld von Bremen zu kommen scheint, vielleicht sogar aus dem Teufelsmoor?, weil da braucht man unbedingt einen persönlichen (Schutz-)Engel.

    Hab mich wie zuhause gefühlt, nicht nur, weil Herr Miesling auch meinen schönen Vornamen trägt, sondern hauptsächlich wegen dem nich.

    Gefällt 4 Personen

  3. Herr Miesling, sein Engel und andere Verbündete, Verschworene …von allen möchte ich hören und die Blauverfärbung auf dem Foto hast Du mal wieder toll hinbekommen -:))) Pilze würde ich jetzt auch gern essen….
    Einen schönen Abend wünsche ich Dir, Karin

    Gefällt 2 Personen

  4. „Miesling“ klingt schon wie ein Pilzname, da ist es klar, dass er interessante Pilzgeschichten von früher kennt. An diese alten wortkargen, Kriegsheimkehrer-Väter oder -Opas mit Schlafstörungen aber spannendem Spezialwissen wird sich bald kaum noch jemand erinnern, und an das Sammeln dubioser Arten, die manche vertragen und andere nicht. Herr Miesling und sein Engel kommen hoffentlich wieder, mir gefallen sie auch sehr.

    Gefällt 3 Personen

      • Ich mache mir große Vorwürfe, dass ich meine Großeltern nicht viel mehr ausgefragt habe, bevor sie starben. Aber ich war wol viel zu jung. Die Letzte aus dieser Generation ist hochaltrig und hochgradig dement verstorben, als ich gerade mit knapp 19 mein Abitur machte – vor guten 20 Jahren also. Und sogar meiner Elterngeneration habe ich bisher viel zu wenige Fragen gestellt. Das steht auf meiner ganz-dringend-to-do-Liste.

        Gefällt 1 Person

      • Mach das, unbedingt. Da kommen nicht nur wertvolle, sondern auch höchst interessante Dinge zutage, das kann ich dir sagen 🙂 . Meine Oma habe ich auch nicht befragt, ein einziger Versuch scheiterte an fehlenden Worten, auf ihrer und meiner Seite.

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  5. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 41.42.20 | Wortspende von Werner Kastens | Irgendwas ist immer

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