Fräulein Honigohr und die Sockenfrage

Fräulein Honigohr und die Sockenfrage

Fräulein Honigohr sitzt auf einer Parkbank und seufzt leise. Heute ist ein Grau-in-Grau-Morgen. Alles fühlt sich nach viel zu früh an, auch, wenn es gar nicht mehr so früh ist. Ein gelbes Blumenblatt segelt neben ihr zu Boden. Sie seufzt noch einmal und starrt es gedankenverloren an. Es ist so wunderschön strahlend gelb und doch: Etwas geht zu Ende.
„Warum hast du deine Socken nicht an?“ fragt eine Kinderstimme mitten in ihre Gedanken hinein. Fräulein Honigohr blickt auf und sieht in zwei braune Augen. Vor ihr steht ein riesiger Schulranzen mit einem winzigen Kind darunter.
„Woher weißt du das?“ fragt sie zurück.
„Du hast nackte Füße. Guck!“ sagt das Kind und zeigt auf Fräulein Honigohrs Beine, die ohne Strümpfe aus ihren Schuhen herausgucken.
„Stimmt. Du hast Recht.“
„Und warum hast du sie nicht an?“ fragt das Kind ungeduldig. „Sie liegen doch neben dir.“
„Ach,“ sagt Fräulein Honigohr, „es gibt Tage für graue Socken und Tage für Ringelsocken. Und heute konnte ich mich einfach nicht entscheiden.“ Sie streicht mit den Fingern über die rotblau geringelten Socken, sieht aber die grauen an.
„Und dann ziehst du gar keine an?“ fragt das Kind. „Das ist doch dumm!“
„Ja, ist es. Aber ich konnte mich trotzdem nicht entscheiden,“ sagt Fräulein Honigohr. „Kennst du das nicht? Wenn man sich nicht entscheiden kann?“
„Doch, schon. Aber manchmal muss ich mich gar nicht entscheiden, da mache ich einfach beides!“ Das Kind lacht. „Zieh doch einfach einen grauen und einen geringelten an! Dann hast du es schön bunt!“
Fräulein Honigohr sieht das Kind an und dann die Socken. Langsam breitet sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Dann streift sie ihre Schuhe ab und zieht über den rechten Fuß eine graue Socke und über den linken Fuß eine blaurot geringelte. Sie streckt die Beine aus und wackelt mit den Zehen. „Du hast ab-so-lut Recht!“ sagt sie zu dem Kind, das sie beobachtet. „Vielen Dank!“
„Ich habe immer Recht!“ sagt das Kind.
„Das dachte ich mir,“ sagt Fräulein Honigohr und steht auf. Prüfend betrachtet sie ihre zwei verschiedenen Füße. „Das gefällt mir sehr gut so.“
„Mir auch!“ sagt das Kind. „Ich muss weiter, ich bin schon zu spät.“
„Ich auch,“ sagt Fräulein Honigohr. „Tschüß und machs gut!“
„Tschü-hüß!“ ruft das Kind und hüpft mit seinem riesigen Schulranzen leichtfüßig davon.
Fräulein Honigohr hebt das gelbe Blatt auf und steckt es an ihre Jacke. Dann strafft sie die Schultern und macht sich auf ihren eigenen Weg.

10 Gedanken zu „Fräulein Honigohr und die Sockenfrage

  1. Kinder haben immer recht. Katzen übrigens auch.
    Ich kann übrigens gut verstehen, ohne Strümpfe zu gehen, das mache ich ständig, aber ich würde sie vermutlich nicht mitnehmen …
    Fräulein Honigohr ist ziemlich klasse, mit oder ohne Ringelsocken.
    Liebe Grüße
    Christiane 😁☕🍪🌞👍

    Gefällt 2 Personen

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