Fräulein Honigohr hat Schluckauf

Fräulein Honigohr trinkt Frühstückstee, als der Schluckauf sie hinterrücks überrumpelt. Verdammt. Nicht jetzt!
Hicksend räumt Fräulein Honigohr die Küche auf. Dann das Wohnzimmer. Sie bürstet ausgiebig ihre Haare. Sie putzt das Bad. Als sie mit dem Kopf gegen das Waschbecken rummst, weil der Schluckauf sie besonders heftig schubst, verdreht sie die Augen. „Schon gut“, murmelt sie, „du hast gewonnen. Ich geh ja schon.“ Der Schluckauf kichert und Fräulein Honigohr hickst siebenmal hintereinander. Sie nimmt den silbernen Schlüssel und steigt die Treppe zum Dachboden hinauf. Vor der Holztür bleibt sie stehen und sammelt mutvoll alles an Zuversicht ein, was sie in sich hat. Dann tritt sie ein.
Der Dachboden ist sonnendurchflutet und leer. Ein alter orientalischer Teppich liegt schimmernd auf den Holzdielen. Fräulein Honigohr setzt sich, schliesst die Augen und augenblicklich ist der Raum brechend voll. Graue Erinnerungen, Gesprächsfetzen und Wutanfälle lagern in Regalen, sinnlose Gedanken und Sorgen hängen wie alte Socken auf kreuz und quer gespannten Leinen. Kartons voller Diskussionen und Streitgesprächen stapeln sich bis zur Decke, die unbeherrschten Momente kullern gläsern herum.
Fräulein Honigohr seufzt. So voll war ihre Rumpelkammer selten. Der Schluckauf hat Recht. Sie sollte nicht von ihren schlechten Momenten zehren, das tut niemandem gut, so verlockend es auch manchmal sein mag. Es ist Zeit. Sie steht auf, öffnet das Dachfenster und macht ihrem Gerümpel Beine. Protestierend fliegt es in einer Wolke von Lärm und Gejammer auf, aber je mehr durch das Fenster verschwindet, desto schneller geht es. Fräulein Honigohr wird immer leichter ums Herz.
Schließlich ist der Dachboden leer bis auf den Teppich. „Willst du auch gehen?“ fragt Fräulein Honigohr. Eine kleine Welle geht über das orientalische Muster, dann liegt er wieder still da. „Gut.“ Fräulein Honigohr streichelt ihn mit einer Fußspitze. Dann sieht sie sich zufrieden um. Neustart. Wunderbar.
Und der Schluckauf ist auch verschwunden.

Das war ein Beitrag zu den abc-Etüden, organisiert von Christiane! Vielen Dank für die Organisiererei, das ist ganz schön viel Arbeit für dich… drei Wörter sind unterzubringen in maximal 300 Wörtern, und wie immer war jedes davon hart umkämpft, bis es exakt 300 waren. 🙂 Ach ja, die drei Wörter: Rumpelkammer, mutvoll, zehren.

15 Gedanken zu „Fräulein Honigohr hat Schluckauf

  1. Ja, das ist viel Arbeit, aber meine Güte – ist halt so. Und wenn ich dann als Erste Fräulein Honigohr und ihren Schluckauf begleiten darf, ist das doch wunderbar 😁
    Mir hat es übrigens der Teppich angetan.
    Liebe Grüße
    Christiane 😁☕🍪🌞🌼🦋👍

    Gefällt 2 Personen

  2. Den Teppich hätte ich auch in jedem Falle behalten. Wenn er in Wellen sprechen kann, dann dauert es sicher auch nicht mehr lange, bis er fliegen kann. Und dann kann Fräulein Honigohr vielleicht einmal aufbrechen, um Aladins Lampe zu suchen oder dem Lehrer Lämpel eine Luftbrücke bauen. Wer weiß, was da alles möglich wird!

    Seeehr Phantasie anregend!

    Gefällt 2 Personen

  3. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 17.18.20 | Wortspende von Myriade | Irgendwas ist immer

  4. Pingback: Fräulein Honigohr und der Teppich | Stachelbeermond

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