Herr Miesling schmollt

Herr Miesling sitzt unrasiert in seiner Küche und schmollt, als sein Engel vorbei kommt. Er wirft einen Blick in Herrn Mieslings Gesicht und nimmt sich einen Kaffee. Das kann länger dauern. Herr Miesling schaut ihm stumm zu, und als sein Engel sitzt, legt er los.
„So. Ostern also. Auferstehung. Soll ich dir mal sagen, was bei mir aufersteht? Gar nichts! Weisst du, wie lange ich niemanden gesehen habe? Wie du siehst, fange ich schon an, mit mir selbst zu sprechen! Wo bleiben da Glaube, Hoffnung, Liebe? Nicht mal die Kirchen sind offen! Ich sitze hier in diesem Loch und kann nicht raus! Jaja, schon gut, raus kann ich ja, aber wozu? Um dreimal um den Block zu latschen? Da kann ich ja gleich drinnen bleiben! Meine Lieblingskneipe hat auch zu. Du kannst dir nicht vorstellen, wie deprimierend es ist, da vorbeizugehen. Ach. Du kannst? Trinkt ihr Engel auch was Stärkeres als Wasser? Ach.“ Herr Miesling guckt überrascht.
Sein Engel steht auf, öffnet ein Fenster und setzt sich wieder.
Herr Miesling kraust die Nase. Es ist still. Man hört die Vögel singen. „Ihr habt bestimmt gut zu tun dieser Tage, was?“ Sein Engel nickt. „Hm. Willst du Milch in den Kaffee?“ Ohne zu warten steht Herr Miesling auf und geht zum Kühlschrank. „Ich hab auch noch Salami da.“ Er nimmt Milch und Salami, trägt sie zum Küchentisch, holt ein Messer und ein Brett und schneidet dicke Scheiben von der Wurst ab.
„Ich hab die Jungs seit Tagen nicht gesehen, und weisst du was? Ich hätte nicht gedacht, wie sehr sie mir fehlen. Was die jetzt wohl tun? Die sind doch auch alle allein.“
Sein Engel steht auf und verschwindet kurz im Flur. Als er zurückkommt, hat er ein Blatt Papier in der Hand. Er legt es auf den Tisch.
„Was ist das? Ach. Unsere Telefonliste. Aber die ist nur für Notfälle!“ Herr Miesling hört auf, Salami zu schneiden. „Oh.“ Er schaut nachdenklich auf das Messer. „Das IST ein Notfall, oder?“
Sein Engel sieht ihn an und nimmt einen Schluck Kaffee mit Milch. Durch das offene Fenster hört man weit entfernt Kirchenglocken läuten.
„Naja. Ich könnte ja mal den Manni anrufen. Der weiß immer alles.“ Herr Miesling ißt eine Scheibe Salami und wirft einen kritischen Blick auf seine Fingernägel. „Aber vorher muß ich noch duschen… du, ich muss dringend ein paar Dinge erledigen. Nimm dir ruhig noch einen Kaffee, und die Salami ist wirklich gut, probier ruhig mal!“ Herr Miesling guckt seinen Engel aufmunternd an, steht auf und verschwindet im Bad.
Sein Engel lächelt. Auferstehungen sind immer wieder wunderbar.
Im Gehen pustet er noch ein wenig Staub vom Fenster, damit die Sonne herein kann. Dann ist er verschwunden.

 

8 Gedanken zu „Herr Miesling schmollt

  1. Liebe Tanja,
    ein wunderbarer und sehr passender Text! Ein paar Herren Miesling scheint es auch in meinem Umfeld zu geben. Und an schlechten Tagen sind wir wohl alle mal ein Herr oder eine Frau Miesling. Aber dann ist es wichtig, wieder aufzuerstehen und das Beste aus der momentanen Situation zu machen. Vielen Dank für diesen Text! 🙂

    Liebe Grüße
    Alina

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