Wie klingt der Frühling?

Wenn der Frühling kommt, dann zieht ein leises Rauschen durch die Luft. Es ist süßer als der Wind und zarter als die Lieder der Vögel, und es duftet nach nasser Erde, Schneeglöckchen und frischem Frosteis auf dem Rasen. Die Amseln und Meisen versuchen zaghaft erste, kurze Melodien, aber oft verstummen sie, weil ihnen der Winter noch in den Kehlen steckt.
Die Farben kommen zurück wie der Boléro von Ravel, erst nur ein zurückhaltendes, vorsichtiges Weiß, dann gesellen sich Gelb und Blau dazu und fangen erste Frühlingsgespräche von Blüte zu Blüte an, dann brandet das Rosa in den Kirschblüten auf wie eine mächtige Woge aus Streichern, Rot und Violett und Orange setzen Tupfer auf das Farbenmeer wie die Triangle ihre Töne über das Orchester hinweg schickt, und zum Schluß kommt das Grün in allen Bläser- und Pauken-Schattierungen als Crescendo! Wenn das Farbenorchester schweigt, ist das Meer ruhig und es ist Mai.
Wenn der Frühling kommt, fliesst das Blut in den Adern schneller und wärmer, die Freude am Leben kitzelt in Augen und Nase und lässt uns manchmal niesen. Wir lachen schneller und lauter und schnuppern an Maiglöckchen, wenn gerade niemand hinsieht. Unsere Haut fühlt sich weicher an und sehnt sich nach Licht und Wärme, bis es fast wehtut und wir Hosen hochkrempeln und Sandalen anziehen, auch, wenn es eigentlich noch zu kühl ist. Der Wind fährt durch junge Blätter und altes Winterlaub und raschelt von kommenden Sonnentagen, und wenn es regnet, öffnet sich die Erde und lässt Samen und junge Triebe ans Licht. Dieser Regen ist willkommen und warm.
Wenn es Frühling wird, öffnen wir die Türen und Fenster und lehnen uns weit hinaus, direkt hinein ins Leben. Wir atmen tief ein. Wir sind lebendig.

Das war ein Beitrag zum #WritingFriday, organisiert von Elizzy. Das Thema war, beschreibe einer blinden Person den Frühlingsanfang. Gar nicht so einfach, echt jetzt.

18 Gedanken zu „Wie klingt der Frühling?

  1. Der Vergleich mit Ravel ist klasse, mit dem Crescendo am Schluss. Überhaupt das Umsetzen auf andere Sinne. Ich habe zu wenig Rasen, aber ja, wenn Frühling ist, dann laufe ich barfuß zum Briefkasten, egal bei welchen Temperaturen …
    Hier hat es übrigens gerade kurz gegraupelt.
    Liebe Grüße
    Christiane 😁☕🍪👍

    Gefällt 1 Person

  2. Den Vergleich mit dem Bolero finde ich auch toll. Ich habe das als Kind hoch und runter gehört. (Auf der anderen Seite der Kassette war die Moldau. :))
    Winr wirklich schöner Text. Leider ist es gerade ja nicht sehr frühlingshaft, aber dein Text hat etwas Frühling in mir geweckt. 🙂

    Gefällt 2 Personen

  3. Pingback: Awesome Blogger Award I | Stachelbeermond

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