Wellenbrink und Gnorm


Teil V

Und dann kam es, wie es immer kam: Es ging zu Ende. Herr Wellenbrink und Gnorm hatten versucht, Kekse zu backen, und beim dritten Versuch waren sie sogar essbar und nicht ganz so schlimm verbrannt gewesen. Gnorm hatte trotz Herrn Wellenbrinks Protesten im Treppenhaus kleine goldene Sterne verstreut und durch die verschlossene Haustür verwundert den Schimpftiraden der Reinemachefrau gelauscht („mag sie denn keine Sterne?“ hatte er ihn verständnislos gefragt). Herr Wellenbrink hatte drei Auftritte mit seinem neuen Chor gehabt, war vorher nur fast an Lampenfieber gestorben und hinterher mit den Chorleuten essen gewesen. Als absolute Krönung war er gefragt worden, ob er nicht auch nach Weihnachten wieder zu den Proben kommen wollte. Er hatte das noch nicht endgültig entschieden, aber die Chancen standen gut. Seine Schlehenlikörvorräte waren alle.
Und dann sagte Gnorm eines Abends, dass er sich wieder auf den Weg machen müsse. „Ich bin schon viel zu lange bei dir“. Es klang fast entschuldigend.
Herr Wellenbrink musste sich setzen. Er nickte langsam.
Gnorm nahm einen Schluck heißes Bier. „Wir haben ja noch mehr Menschen, um die wir uns kümmern müssen, weisst du.“
Herr Wellenbrink nickte wieder stumm.
„Eigentlich war ich ja überhaupt nicht eingeteilt bei dir. Das war nur, weil mir vorher so ein kleines Mißgeschick passiert ist… da haben sie mich zu dir geschickt.“ Gnorm spielte mit seinem Bier-Eierbecher und sah angestrengt hinein, als ob am Grund etwas ganz und gar Außerordentliches zu finden wäre. „Und das war wirklich gut. Bei dir, meine ich. Hier.“
Herr Wellenbrink räusperte sich. „Fand ich auch. Das du hier bist. Warst.“
Sie sahen sich an. Zwei Atemzüge lang hing funkelnde Stille zwischen ihnen, dann war alles gesagt, was gesagt werden musste.
„Ja, dann…“, Herr Wellenbrink setzte sich aufrecht hin, „wann musst du denn gehen?“
„Ich glaube, heute nach dem Abendbrot wäre ein guter Zeitpunkt. Der Mond ist schön rund heute, da geht alles leichter.“
„Oh. Gut. Dann… dann sollten wir wohl Abendbrot essen, oder?“
Gnorm nickte. Herr Wellenbrink machte sich an die Arbeit. Er holte den guten Frühstücksspeck heraus und die Bioeier, die er erst kaufte, seit Gnorm ihn entrüstet gefragt hatte, ob er denn Hühner nicht leiden könne? Doch? Und warum er dann die Eier von den armen Gefängnishühnern kaufen würde? Dazu setzte er den guten Kaffee auf und stellte die Schale mit Würfelzucker auf den Tisch. Wer würde den restlichen Zucker essen, wenn Gnorm nicht mehr da war? Vielleicht würde er ihn mitnehmen wollen? Herr Wellenbrink schüttelte den Kopf, um diese Gedanken loszuwerden. Es half ja alles nichts. Von Anfang an war ihm klar gewesen, dass Gnorm nicht bleiben würde. Er war ein Wichtel, um Himmelswillen! Die wohnten nun mal nicht bei alten Männern, sondern… woanders. Auf jeden Fall nicht hier, bei ihm. Aber er hatte das ganz erfolgreich verdrängt in den letzten Tagen.
Beim Essen gaben sie sich beide Mühe, so zu tun, als ob alles wie immer wäre, aber es gelang ihnen nicht wirklich gut. Immer wieder kehrte Schweigen ein. Geschwiegen hatten sie sonst auch, aber es war eine andere Art Schweigen gewesen. Jetzt hing der drohende Abschied dazwischen und färbte es grau ein.
Mit einem tiefen Seufzer lehnte Gnorm sich zurück, als er fertig war. Herr Wellenbrink legte Messer und Gabel auf seinen Teller und sah Gnorm an. „Komm. Es nützt ja nichts. Lass es uns hinter uns bringen.“
Gnorm seufzte noch einmal, dann rutschte er vom Tisch und verschwand im Flur, um seinen Rucksack zu holen. Herr Wellenbrink schüttete den Zucker in eine Tüte und band sie zu. Dann ging er in den Flur. „Hier“, sagte er und streckte Gnorm die Tüte hin.
„Nein, danke, wir dürfen nichts mitnehmen. Trotzdem danke. An deinen Kaffee werde ich mich gern erinnern. Und an das heiße Bier auch.“
„Ich mich an dich auch.“ Unbeholfen schüttelten sie sich die Hände, dann ging Herr Wellenbrink zur Haustür und öffnete sie.
„Neiiiiiin!“ rief Gnorm. „Ich bin ein Wichtel, zum grünstichigen Polarleuchten nochmal! Wir gehen doch nicht durch Türen!“ Er flitzte ins Schlafzimmer und kletterte auf das Fensterbrett. „Los! Mach auf!“
Herr Wellenbrink ging dem Wichtel hinterher und lächelte jetzt doch, dann öffnete er das Fenster. Gnorm hüpfte in den Blumenkasten zwischen die vertrockneten Geranien und drehte sich noch einmal um. „Vielleicht ja bis zum nächsten Jahr?“ flüsterte er, dann sprang er über den Rand des Blumenkastens. Herr Wellenbrink sah erschrocken hinterher, dann beugte er sich nach draußen. Da! An der Regenrinne bewegte sich etwas kleines, dunkles blitzschnell nach unten, kam auf dem Bürgersteig auf und verschwand mit spiegelnder Glatze hinter der nächsten Straßenecke. Herr Wellenbrink atmete tief durch und schloss das Fenster. Eine Weile stand er noch da und sah nach draußen, dann ging er langsam in die Küche zurück. Auf dem Tisch lag die Zuckertüte neben einem Schälchen goldender Sterne, die er vor der Reinemachefrau gerettet hatte. Das Geschirr stand noch auf dem Tisch, in der Luft hing der Geruch nach gebratenem Frühstücksspeck. Herr Wellenbrink drehte sich auf dem Absatz um, nahm seine Jacke vom Haken und schlüpfte in seine Straßenschuhe. Er würde einen Spaziergang machen. Sich ein bisschen durchlüften. Vielleicht würde er sich danach besser fühlen.

Als er eine Stunde später zurückkehrte, fühlte er sich tatsächlich besser. Frische Luft half doch immer. Er würde aufräumen und sich danach einen Film im Fernsehen anschalten, das hatte er vor Gnorm ja auch immer gemacht. Und es nützte ja wirklich nichts, was half es, wenn er sich anstellte wie ein Teenager nach dem Verlust der ersten, großen Liebe. Er schloss die Tür auf, betrat seine Wohnung und zog den Mantel aus. Es roch immer noch nach Frühstücksspeck. Entschlossen betrat er die Küche, und da saß Gnorm am Tisch und grinste ihn an. Herrn Wellenbrink fiel der Schal aus der Hand. „Was… was machst du hier?“ fragte er.
„Du hast aber lange gebraucht, ich bin schon seit einer Ewigkeit wieder da!“
„Egal! Was machst du hier?“
„Ach, weisst du, als ich so gelaufen bin, dachte ich mir, ist doch eigentlich seltsam, dass mich niemand abgeholt hat. Ich meine, wenn ich sonst zu lange gebraucht habe, ist immer jemand gekommen, um mir ein bisschen Feuer unterm Hintern zu machen. Dieses Mal aber nicht. Was, wenn ich hier einfach noch nicht fertig bin? Dann würde ich mich ja unerlaubt vom Einsatz entfernen! Das wäre ein Verstoß gegen die Regeln! Und ich würde doch nie gegen die Regeln verstoßen!“ Jetzt grinste Gnorm von einem Ohr zum anderen. Herr Wellenbrink starrte ihn immer noch an, als ob er nicht echt wäre. Gnorm hörte auf zu grinsen. „Aber wenn du möchtest, dass ich wieder gehe, tue ich das natürlich.“
„Nein!“ rief Herr Wellenbrink. „Du kannst bleiben, solange du möchtest!“
„Echt?“
„Klar!“ Herr Wellenbrink ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Er guckte Gnorm an.
„Was? Hab ich plötzlich blaue Haare, oder was?“ Gnorm grinste.
„Nein. Ich hab bloß überlegt, ob deine Nase immer schon so knubbelig war.“ Herr Wellenbrink fühlte sich warm und glücklich und voller Tatendrang.
„Na klar ist sie das, wir haben schließlich schöne Nasen im Gegensatz zu euren nackten Sprungschanzen! Was meinst du: Kann ich noch Kaffee haben? Mit Zucker?“
„Aber selbstverständlich“, sagte Herr Wellenbrink.

Wellenbrink & Gnorm Teil I
Wellenbrink & Gnorm Teil II
Wellenbrink & Gnorm Teil III
Wellenbrink & Gnorm Teil IV

11 Gedanken zu „Wellenbrink und Gnorm

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