Wellenbrink und Gnorm

Teil II

Herr Wellenbrink brauchte einen Moment, bis er sich orientiert hatte. Er lag auf dem alten Sofa im Wohnzimmer, die kaputte Sprungfeder bohrte sich unangenehm in seine Hüfte und der raue Stoff kratzte an seiner Wange. Ihm war kalt. Warum lag er auf dem Sofa und nicht in seinem schönen, warmen Bett? Und was waren das für absonderliche Geräusche? Vorsichtig öffnete er die Augen, dann erinnerte er sich. Gnorm! Er sah zum Sessel hinüber. Gnorm lag mit dem Rücken zu ihm auf dessen Sitzfläche, auf seinem kahlen Schädel spiegelte sich trüb das graue Licht der Dämmerung. Er schnarchte wie ein alter VW Käfer mit Getriebeschaden.
In Herrn Wellenbrinks Mundwinkeln erschien ein winziges Lächeln, das sehr schnell verschwand, als er versuchte, sich aufzurichten. Seine alten Knochen nahmen ihm die Übernachtung auf dem Sofa sehr übel. Es knackte und knarrte in seinen Gelenken und hatte verdächtige Ähnlichkeit mit den Geräuschen, die das Sofa machte, als er aufstand. Tja. Sie waren ja schließlich auch miteinander alt geworden.
Der VW Käfer mit Getriebeschaden war verstummt. Stattdessen war jetzt ein leises „Oh-oh-oh!“ zu hören. Herr Wellenbrink stieg in seine Cordpantoffeln. „Bleib liegen“, sagte er. „Das kommt davon, wenn man zuviel Schlehenlikör trinkt. Ich mach dir ein Katerfrühstück.“
Nun war auch das „Oh-oh-oh“ verstummt. Ein langes Ächzen erklang, dann drehte Gnorm sich um und blinzelte mit verschwommenem Blick zu Herrn Wellenbrink hoch. „Neiiiiiin!“ jammerte er und zog sich die Decke über den Kopf.
„Jammern nützt nichts. Es ist, wie es ist. Magst du Hering?“
„Nein!“ kam es dumpf unter der Decke hervor.
„Nicht? Schade. Dann hab ich nur noch Schweinskopfsülze. Mit Schwarzbrot?“
„Verdammte Beilhäcksel! Du hast mich gesehen!“
„Das kann man wohl sagen“, erwiderte Herr Wellenbrink mit Blick auf Gnorms Füße, die unter der Decke hervorguckten.
„Aber du darfst mich nicht sehen!“
„Das mag ja sein, aber dafür ist es etwas zu spät, oder?“
„Oh du liebe Elfengrütze! Was mach ich denn jetzt?“ jammerte Gnorm unter der Decke.
„Keine Ahnung. In Elfendingen kenne ich mich nicht aus. Ich schlage vor, wir frühstücken erst mal. Mit Kaffee sieht alles besser aus.“
„Kaffee?“ Die Decke senkte sich bis knapp unter Gnorms Augen.
„Filterkaffee. Schwarz?“
„Mit Milch. Und Zucker!“
„Gut, gut.“ Herr Wellenbrink wickelte sich in seinen Morgenmantel und schlurfte in die Küche. Zehn Minuten später duftete es nach frischem Kaffee, der Tisch war für zwei gedeckt, und in der Pfanne auf dem Herd brutzelten ein paar Spiegeleier. Während Herr Wellenbrink die Eier in der Pfanne hin und her schob, sah er aus dem Augenwinkel, wie Gnorm sich durch die Tür schob. „Willst du auf dem Stuhl sitzen?“
„Und wie bitte soll das gehen?“ Gnorm sah mit verschränkten Armen zu ihm auf.
Herr Wellenbrink zeigte wortlos auf den großen Topf, den er umgedreht auf den Stuhl gestellt hatte. Obendrauf lag ein Topflappen.
Gnorm schnaufte. „Hmpf.“
„Oder der Tisch.“ Herr Wellenbrink winkte einladend mit dem Pfannenwender in Richtung Tischplatte. „Willst du ein oder zwei Eier?“
Gnorm schnaufte erneut, dann kletterte er am Tischbein hinauf und hangelte sich auf den Tisch. „Zwei.“ Er sah sich kurz um und ließ sich dann neben einem der Teller nieder.
„Bitteschön. Kaffee kommt.“ Herr Wellenbrink verteilte die Eier, goß Kaffee ein, für sich schwarz, für Gnorm mit Milch und zwei Stück Zucker, dann setzte er sich.
„Noch eins.“ Gnorm sah ihn auffordernd an.
„Drei Stück Zucker? Ihr Wichtel habt wohl keine Diabetesprobleme, was?“
„Dia-was?“
„Ach, vergiß es. Guten Appetit.“
Sie aßen schweigend. Gnorm schüttete Unmengen Kaffee in sich hinein, und Herr Wellenbrink fragte sich, wo er das alles ließ. Rein anatomisch waren solche Mengen bei einem so kleinen Mann gar nicht möglich, aber anscheinend lagen die Dinge hier anders als er es gewohnt war. Schließlich waren alle Eier gegessen, der Kaffee ausgetrunken und auch die Schweinskopfsülze hatte erheblich abgenommen. Herr Wellenbrink lehnte sich zurück. „So“, sagte er, „jetzt zum Geschäftlichen. Was wolltest du eigentlich in meiner Wohnung?“
Gnorm lehnte sich an den Toaster und rülpste zart. „Kann ich nicht sagen. Geschäftsgeheimnis.“
„Aha. Aber du weisst schon, dass du gerade meinen Kaffee getrunken und in meinem Sessel geschlafen hast, oder?“
„Jaaa. Schon. Der Kaffee war auch ok. Obwohl du ganz schön geizig mit dem Zucker warst.“
Herr Wellenbrink atmete tief durch. Er versuchte es anders. „Wolltest du mich ausspionieren? Oder irgendwas stehlen?“
Gnorm sprang entrüstet auf. „Stehlen? Ich? Du spinnst wohl, was? Wichtel stehlen nicht! Nie! Vielleicht borgen sie sich ab und zu was, aber nur, wenn es nicht anders geht! Und sie bringen es zurück! Und was heißt ausspionieren? Wenn wir euch Weihnachtsignoranten irgendwie auf den Weg zurückbringen sollen, müssen wir doch wohl Bescheid wissen, oder?“ Er sah Herrn Wellenbrink wütend an und ließ die Arme sinken, als er dessen feines Lächeln sah. „Oh. Du bist gut. Nicht übel. Trotzdem ist es ein Geschäftsgeheimnis.“
„Jaja.“ Herr Wellenbrink winkte ab. „Behalt deine Geheimnisse. Lass uns über die Zukunft sprechen. Was machen wir jetzt?“
Gnorm zuckte mit den Achseln. „Keine Ahnung. Ich hab noch nie von einem Wichtel gehört, der bei einem Menschen übernachtet und mit ihm gefrühstückt hat.“
„Vermisst dich denn niemand?“
Gnorms Mundwinkel sanken herab. „Nein.“
„Oh.“ Herr Wellenbrink wartete einen Moment, dann sagte er: „Mich auch nicht.“ Sie sahen sich an, und etwas geschah in diesem Moment, hier, am Küchentisch. Herr Wellenbrink zögerte noch ein paar Sekunden, dann preschte er entschlossen vor. „Du hast doch bestimmt noch mehr, äh, Missionen, oder?“
Gnorm zuckte mit den Achseln. „Nein.“
„Nein?“
„Nein. Hab ich doch gestern schon gesagt. Du bist meine letzte Chance. Wenn es mit dir nicht klappt, werde ich in Rente geschickt.“
„Oh. Und… was bedeutet das?“
„Ich komme in den Innendienst.“ In Gnorms Gesicht zuckte es. Wie auch immer der Innendienst aussehen mochte, Gnorm fand den Gedanken daran sichtlich abstossend.
„Ok. Naja, ich meine, wir könnten ja versuchen, dich nicht scheitern zu lassen. Oder?“ Herr Wellenbrink bewegte sich auf unsicherem Boden, aber das nahm er in Kauf. Er hatte überhaupt keine Lust, wieder in sein altes, viel zu stilles Leben zurückzukehren. „Was hattest du denn vor? Soll ich Weihnachtskarten schreiben? Oder Kekse backen?“ Es schauderte ihn. Kekse backen! Ein grauenvoller Gedanke. Aber wenn es half, bitteschön. Dann würde er eben Kekse backen.
Gnorm verzog das Gesicht. „Das ist es ja. Es gab keinen Plan. Wir haben schon alles ausprobiert, und bei dir hat nichts gewirkt. Ich hatte nur den Auftrag, in deine Wohnung zu gehen und dann… zu sehen, was passiert. Ich meine, was ist das denn für ein Auftrag!“ Er redete sich in Rage. „Zu sehen, was passiert! Jetzt werden sie schön dumm aus der Wäsche gucken, die Sesselpupser, jetzt ist nämlich ´ne ganze Menge passiert, Sichtkontakt, Gesprächsaufnahme, Mahlzeitenteilung, herrje!“ Er ließ den Kopf sinken, und Herr Wellenbrink bekam Mitleid mit dem kleinen Mann.
„Nicht aufgeben! Wir finden schon eine Möglichkeit, du wirst sehen.“
„Echt?“
„Klar.“
Gnorm sah ihn an und Herr Wellenbrink war sich fast sicher, das Gnorm gerade versuchte zu lächeln, aber nicht wusste, wie das ging. Du liebe Güte. Er selber war ja auch nicht einfach, aber dieser Wichtel war wirklich ein harter Brocken. Das würde kein Zuckerschlecken werden.
„Wenn wir jetzt schon… zusammenarbeiten… oder sowas… kann ich dann noch Kaffee haben? Mit Zucker?“ Gnorm sah ihn erwartungsvoll an. Herr Wellenbrink nickte langsam. Er würde einkaufen gehen müssen. Vor seinem üblichen Einkaufstag. Der Zucker war auch fast alle. Den letzten hatte seine Frau gekauft. Wo bekam man eigentlich Zucker her?
Der Tag versprach interessant zu werden.

Wellenbrink und Gnorm Teil I
Wellenbrink und Gnorm Teil III
Wellenbrink und Gnorm Teil IV
Wellenbrink und Gnorm Teil V

10 Gedanken zu „Wellenbrink und Gnorm

  1. Ich gehe ja davon aus, dass es noch weitergeht, weil du uns bestimmt nicht auf halber Strecke verhungern lässt, oder?????????????
    Ich hätte da noch eine große Bitte: Könntest du die Vorgänger/Nachfolger bitte verlinken? Weil ich nämlich eben unbedingt noch mal Teil I lesen musste und den Link echt vermisst habe …
    Schönen Adventssonntag dir, und den Herren auch!
    Liebe Grüße
    Christiane 😀

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