Josef

Ich bin Josef.
Ich bin Zimmermann.
Holz ist ein wunderbares Material, es ist lebendig und atmet, und wenn man sich auskennt, kann man es in jede nur mögliche Form bringen.
Meine Hände sind rauh und hart vom Hobeln und Schmirgeln, und auf meinen Haaren liegt oft eine Schicht Holzstaub.
Maria scheint das nicht zu stören. Auch nicht, dass ich älter bin als sie.
Maria.
Ich mag ihre Augen und ihr Haar, und die Art, wie sie mit ihren jüngeren Geschwistern spricht. Wir sind uns schon lange versprochen, und ich hatte immer Angst, ich wäre zu alt für sie.
Ich habe ein Kästchen aus Holz für sie gebaut, mit Scharnieren, damit sie den Deckel gut schließen kann. Feines Olivenholz habe ich dafür genommen und mir vorgestellt, wie ich es ihr überreiche.
Aber als sie mir von dem Kind erzählt hat, ängstlich, ja, aber auch so sicher, als ob es keine Zweifel an ihrer Geschichte geben könne, bin ich ohne ein Wort gegangen. Zuhause habe ich das Holzkästchen an die Wand geworfern, mit aller Kraft. Es ist zerbrochen. Ich habe die Teile zusammengefegt und bin schlafen gegangen.
Ich habe lange wach gelegen.
Dann kam der Traum.
Danach war alles anders.
Ich bin Zimmermann. Ich baue Häuser und Truhen. Ich bin kein Schriftgelehrter. Aber dieser Traum war klar und deutlich, und ich sehe ihn immer noch vor mir, sobald ich die Augen schließe.
Noch gestern hätte ich gesagt, so etwas passiert doch nicht, und schon gar nicht mir! Aber es ist passiert.
Morgen werde ich das Kästchen reparieren und es ihr bringen.
Und dann werden wir reden.

 

8 Gedanken zu „Josef

    • Schön… vielen Dank für den Kommentar. Genau so war es beabsichtigt: Ein bisschen Leben in die Abstraktion bringen. Die alten Texte sind wirklich manchmal unfassbar knapp gehalten. Heute haben wir viel mehr Papier (und Elektronik), da können wir etwas mehr ausholen. 🙂

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  1. das hast du wirklich sehr schön erzählt und josef zum leben erweckt. ich habe ihn vor mir gesehen, auch mit seinem kästchen, das er an die wand wirft und mit seinen sorgen und gedanken. hast du gut gemacht, danke schön. liebe grüße und einen schönen tag für dich.

    Gefällt 2 Personen

  2. Wie nah er mir so rückt, der Joseph.
    Ob ein plastischer Traum wirklich alles verändern kann? Oder ist es eher seine Liebe zu Maria? Jedenfalls bewundere ich ihn für dieses schelle Überzeugtsein und seine Offenheit. Ich hatte schon in der (Kloster)Schule den Ei Druck, dass das Leben der Zweifler anstrengender ist.
    Liebe Grüße
    Hummel

    Gefällt 2 Personen

    • Vielleicht ist es ja beides… oder der Traum war wirklich überzeugend. Was wissen wir schon? In den paar Zeilen steht wirklich nur das Notwendige, für das, was wir hier heute tun und schreiben, gab es damals wohl weder genug Pergament noch Sinn dafür. Und ja, ich gebe dir Recht, Zweifler leben anstrengender. Zweifel lassen dich aber auch weich bleiben gegenüber anderen, die anders denken. Was zweifelsfrei für den Zweifel spricht!

      Gefällt 1 Person

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