Ausgelesen: Raum. Von Emma Donoghue.

Junge, Junge. Das war mit weitem Abstand eines der bisher besten Bücher in meinem Leben, und da gab es schon ziemlich viele. Vor einigen Jahren hatte ich mal einen Kalender, in dem jeden Tag ein Buch empfohlen wurde, und dieses war dabei. Es schien interessant zu sein und so habe ich es gekauft. Und dann stand es in meinem Regal der noch zu lesenden Bücher… und stand… und stand… bis neulich abends der Film dazu im TV lief und ich ihn angesehen habe. Ich war ziemlich beeindruckt. Danach war das Buch dran, und jetzt bin ich nachhaltig beeindruckt.

Der Rückseitentext: „Für Jack ist Raum die ganze Welt. Dort essen, spielen und schlafen er und seine Ma. Jack liebt es fernzusehen, denn da sieht er seine „Freunde“, die Cartoonfiguren. Aber er weiß, dass die Dinge hinter der Mattscheibe nicht echt sind – echt sind nur Ma, er und die Dinge in Raum. Bis der Tag kommt, an dem Ma ihm erklärt, dass es doch eine Welt da draußen gibt und dass sie versuchen müssen, aus Raum zu fliehen…“

Der Roman hat 410 Seiten und ist konsequent ausschließlich aus Jack´s Sicht geschrieben. Nun ja, könnte man meinen, ein ganzer Roman aus der Sicht eines gerade mal fünfjährigen, wird das nicht irgendwann langweilig? Absolut nicht, denn hinter Jack´s Welt steckt ein Drama, das unerträglich wäre, wenn zum Beispiel die Mutter (Ma) es erzählt hätte, und voyeuristisch, wenn jemand Außenstehendes es beschrieben hätte. So aber sehen wir Raum durch Jack´s Augen, und er ist riesig. Die ganze Welt eben. Es gibt Schrank, Stuhlschaukel, Eierschlange, das Zudeck, ein Fort, Teppich, die schon alles erlebt hat, Tisch, Weichlöffel und jede Menge andere Mitspieler, denn Jack´s Welt ist belebt. Das Raum nur 13 ²m groß ist, spielt keine Rolle, er kann darin rennen, spielen, lesen, er kennt alle Dinge und die Dinge kennen ihn. Ma ist immer da, sie sind keine Sekunde getrennt, nur abends, kurz vor neun, da muss er in Schrank, denn dann kommt Old Nick. Old Nick ist auch echt, so wie Jack und Ma, aber er hat Jack noch nie richtig gesehen, und Jack ihn auch nicht, denn er ist ja immer in Schrank, wenn er kommt. Und spätestens jetzt weiß der Leser, hier ist eine ziemliche Menge ganz und gar nicht normal.

Es gibt im Roman ein „Drinnen“ und ein „Draussen“, und jeder von uns möchte sehnlichst, dass das „Draussen“ bitte bald kommen möge. Jack hat andere Prioritäten. In Raum fühlt er sich sicher. Alles ist da, wo es sein soll, es gibt Regeln und Abläufe, die er kennt, seit er sich erinnern kann. Abends scheint Gott dick und gelb durch Oberlicht, im Draussen ist er dann nicht mehr immer rund, sondern spitz mit zwei Enden. Seltsam, wie vieles andere auch. In Raum sind die Dinge kostbar, nichts wird verschwendet, nichts wird weggeworfen, jedes Ding hat sein Leben. Im Draußen gibt es viel zu viel von allem und es wird einfach so entsorgt, wenn es einem nicht mehr gefällt. Unfassbar für Jack.

„In Raum wussten wir immer, wie alles hieß, aber in der Welt gibt es soviel, dass die Personen noch nicht mal die Namen wissen.

Unfassbar auch, wie unendlich groß der Abstand zwischen Jack und den Erwachsenen ist. Die Erwachsenen gehen davon aus, dass ihre Erfahrungen und Wertvorstellungen die einzigen sind, die gelten. Im ganzen Buch fragt niemand Jack, wie er in Raum gelebt und gespielt hat, wie seine Welt beschaffen war. Niemand will es ganz genau wissen, sie sind gefangen in ihren Welten und unfähig, auch nur für kurze Zeit aus ihr herauszutreten. Darüber hinaus haben sie niemals Zeit, ein Phänomen, dass Jack so beschreibt:

„Ich glaube, in der Welt verteilt sich die Zeit ganz dünn überall hin über die ganzen Straßen und die Häuser und die Spielplätze und die Geschäfte, deshalb gibt es an jedem Ort nur einen kleinen Klecks davon, und alle müssen schnell weiter zum nächsten.“

Dieser Roman ist vieles gleichzeitig. Er ist ein Drama, das ich nicht gelesen hätte, wenn es anders geschrieben worden wäre. Er ist eine geniale Beschreibung einer Parallelwelt aus der Sicht eines Kindes, das nichts anderes kennt. Er zeigt auch die normale Welt, und er zeigt sie so, dass man sich fragt, ob unsere Welt nicht vielmehr eine sehr seltsame Parallelwelt zu Raum ist? Er zeigt, dass Ungeheuer nicht immer unter dem Bett wohnen, sondern manchmal nebenan und oft sehr klein in allen Menschen. Der Roman zeigt die Schönheit von Dingen und die Schönheit der Phantasie und wie groß Liebe werden kann. Er zeigt, dass jeder Mensch seine eigene, unglaubliche Welt ist, in die niemand anderes vollständig Zutritt erhält.

Wie gesagt: Ich bin beeindruckt. Sehr.

9 Gedanken zu „Ausgelesen: Raum. Von Emma Donoghue.

  1. Von Donoghue habe ich „Das Wunder“ gelesen und war positiv überrascht, an „Raum“, muss ich gestehen, habe ich mich bislang noch nicht herangetraut, weil ich immer die Vermutung hatte, es würde sich dabei um etwas handeln, das ich nicht so gut vertragen könnte, handlungstechnisch …

    Nun, wir werden sehen … 🙂

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