Krabben I

Sie

Der Wind riß Haarsträhnen aus ihrem Zopf, die sie ohne großen Erfolg immer wieder hinter ihre Ohren strich. Die See verhielt sich verhältnismässig ruhig, und sie war froh darüber. Nichts konnte sie jetzt weniger gebrauchen als seekrank zu werden, nicht nachdem sie die Krabbenfischer endlich davon überzeugt hatte, sie auf eine Ausfahrt mitzunehmen. Die Fänge waren schlecht, und das schon seit Monaten. Was machte das mit Menschen, die in sechster Generation Krabbenfischer waren? Sie schnupperte an ihren nach Fisch riechenden Händen und lächelte stolz. Einen Tag pro Woche hatte sie ihrem Chef abgerungen. Einen Tag lang durfte sie nach ihren eigenen Geschichten suchen und sich von all den Schützenfesten und Schulkonzerten erholen, die endlos durch ihr kleines Provinzblatt wanderten.
Der Kutter schwankte wie ein großes, betrunkenes Tier. Die Brüder zogen zum dritten Mal ihre Netze nach oben und wieder waren keine Krabben darin. Nur winzige silberne Fische hatten sich in den Maschen verfangen, zu klein, um sie verwerten zu können.
Der gesprächigere der beiden stand neben ihr, betrachtete wie sie den Sonnenaufgang und machte eine Bemerkung über Romantik auf See und rote Sonne auf silbernen Fischbäuchen. Sie lachte. Er hatte etwas von einem jungen Welpen an sich. Der ältere Bruder dagegen vermied überflüssige Worte, den ganzen Morgen über hatte er höchstens drei Sätze mit ihr gewechselt. Ob er sauer war, weil sie nicht nachgegeben hatte? Sie fühlte seinen Blick im Rücken, aber immer, wenn sie sich umdrehte, sah er weg.
Das Boot fuhr eine lange Kurve und nahm Kurs zurück zum Hafen. Sie beobachtete das Kielwasser, das schäumend eine lange Spur durch die Wellen zog. Neben ihr stand der ältere Bruder und hielt sich an der Reeling fest. Sie dachte darüber nach, wie sie zuhause den ersten Entwurf ihres Artikels schreiben würde, als der Mann neben ihr ausrutschte, ihr die Beine unter dem Leib wegriß und mit ihr zusammen auf das Deck fiel. Sie landete der Länge nach hart auf seinem Körper, ihr Ellenbogen drückte in seinen Magen, und er stieß zischend die Luft aus. Erschrocken blickte sie in sein Gesicht, ihre Haare fielen auf seine Stirn und seine Wangen. Zum ersten Mal sah er sie direkt an. Er hatte schöne Augen. Sie waren braun wie die polierten Decksplanken seines Schiffes.
„Hej“, sagte sie und lachte.
Er holte tief Luft. Ihr Ellenbogen hob sich sacht unter seinem Atemzug.
„Hej“, sagte er.

2 Gedanken zu „Krabben I

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