Briefe aus dem Paradies II

Liebe Angst,

ich bin tatsächlich hier, obwohl du doch immer soviele Zweifel hattest: Im Paradies. Und es ist ganz anders, als ich gedacht habe! Wenn ich denn überhaupt geglaubt habe, dass es eines gibt (was ja nicht immer der Fall war, wie du sehr wohl weißt).
Das Paradies: Es ist ein Garten. Lach nicht, das ist kein Witz: Es ist ein Garten. Es regnet hier durchaus (siehst du die Tropfen auf dem Papier?), aber es stört niemanden. Der Regen ist freundlich. Es gibt Unkraut und Wühlmäuse, und beides darf sein. Nur nicht im Übermaß. Alles hält hier Maß. Es gibt von allem, Sonne und Regen, Waffeln und Stangensellerie, aber im richtigen Verhältnis. Niemand weicht dem Schmerz aus, aber er nimmt nicht überhand. Knospen und Verblühtes stehen nebeneinander und wir sehen hin und lächeln. So ist es, so wird es sein.
Für mich gibt es Bücher. Und Mittagsschläfchen. Für andere Gesellschaft. Musik. Und Geschichten. Arbeit gibt es auch, nicht zuviel, aber auch nicht zuwenig. Man muss ab und zu müssen, sonst verliert das Dürfen an Freude.
Überhaupt: Freude. Die ist hier sehr wichtig. Große und kleine, schnelle und lange Freude, es gibt viele Arten, und du darfst dir aussuchen, welche du bevorzugst. Auch die minimale, trockene Freude, die mit einem Wimpernschlag vorbei ist, ist hier erwünscht. Alle Tränen, die du noch nicht geweint hast, darfst du hier nachholen, und wenn du damit fertig bist, geht jemand mit dir einen Kaffee trinken. Oder Tee. Es gibt einen kleinen See im Paradies, ein bisschen moosig, aber es gibt einen Steg und Libellen. Das Wasser ist kühl.
Ich sehe nicht alles hier. Manche Dinge sind nicht für mich gedacht. Das ist ok. Ich brauche keine Joggingrunde am Morgen. Für mich ist der langsame Spaziergang zum Fluß, die Liege unter dem Apfelbaum und die Bibliothek. Für dich wäre es vielleicht etwas anderes, wer weiß.
Gott kommt jeden Abend vorbei, und das ist gar nicht angsteinflößend, wie du mir immer gesagt hast. Ich freue mich auf ihn. Er fragt mich nach meinem Tag, manchmal legt er mir auch nur kurz die Hand auf die Schulter. Ich frage ihn auch nach seinem Tag, aber ich glaube, er verschweigt mir vieles. Ich liebe ihn sehr.
Noch bin ich ja nicht endgültig hier, sondern zu Besuch. Gott hat mir ein Geschenk gemacht: Er hat mir gezeigt, wie ich das Paradies mitnehmen kann. In einer Tasse Tee, einem Buch, beim Blick in den Himmel und schon ist es da, ganz nah, im Handgepäck.
Liebe Angst, es war schön, nach langer Zeit mal wieder mit dir zu schreiben. Ich bin wirklich froh, dass du Unrecht hattest. Du auch?

Deine (zuversichtliche) Stachelbeermond

5 Gedanken zu „Briefe aus dem Paradies II

  1. Eine sehr wertvolle Beschreibung.
    Besonders gut gefällt mir die Idee, dass ich nicht alles sehe, weil nicht alles für mich ist – oder, wie ich sagen würde – weil ich nicht alles mitmachen muss. Das schenkt Freiheit und Entlastung. Wie gut, wenn wir das nicht erst im Paradies erkennen.
    Danke dir und schöne Grüße
    Judith

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