Miss Liberty II

Da ist es, das Staten Island Ferry Terminal. Und wenn Amerikaner etwas Großes bauen, machen sie es richtig. Eine riesige Eingangsfront mit zahllosen Türen, die in ein mächtiges Foyer führen, in dem es nicht viel mehr als ein paar Ess- und Fressläden gibt. Vom Foyer aus führen eine Treppe und zwei sehr lange Rolltreppen die Menschenmassen hinauf in die noch sehr viel größere Abfertigungshalle. Dort, wo das nächste Schiff ablegt, stellt man sich einfach an und geht aufs Schiff, wenn es da ist. Überall stehen Sicherheitsleute und Wachmänner, Pendler mischen sich mit Touristen, eine Pendlerin muss bei Wendy´s länger warten und ihr fährt ein Schiff vor der Nase davon. Sie beschwert sich bei mir darüber, während wir gemeinsam auf das nächste Schiff warten, und ich habe Schwierigkeiten, ihren Dialekt zu verstehen, aber fürs Gröbste reicht es aus. Außerdem kommen auch noch ein Vater mit erwachsenem Sohn aus San Diego, Kalifornien, ein New Yorker und ich ins Gespräch über die recht radikalen Anwerber für die kostenpflichtigen Fahrüberfahrten nach Liberty Island. Ins Gespräch kommen ist hier leicht, man muss nichts großartiges tun, nur im richtigen Moment etwas fragen und schon redet man miteinander. Nie lange, aber immer freundlich und sehr hilfsbereit, und niemanden stören meine zahllosen nicht vorhandenen Wörter im englischen Wortschatz. Das werde ich mit nach Hause nehmen: Wie glücklich man ist, wenn einem geholfen wird trotz mangelhafter Grammatik und endlosen Umschreibungen des einen Wortes, das einem gerade nicht einfällt.

Die Fähre ist schnell, die Hochhäuser werden rasch kleiner und Miss Liberty wird größer. Das Deck ist voll mit einer wilden Mischung aus Pendlern, Ausflüglern, Familien, Spaziergängern und (unverkennbar) Touristen. Es ist laut und man hört alle möglichen Sprachen, Spanisch, Japanisch, Englisch, amerikanischen Slang, bei dem ich nur jedes fünfte (oder zehnte, das weiß man nicht so genau) Wort verstehe. Zu meinem größten Bedauern gibt es kein Außendeck, man muss also immer durch eine Scheibe gucken. Als wir ankommen, ertönt die Durchsage, dass das Schiff jetzt außer Dienst genommen wird, wir es also alle verlassen und ein anderes zurück nehmen müssen. Naja, dann tun wir das halt. Und auf der Rückfahrt, da haben wir ein Schiff mit Außendeck! Hah! Das ist meins! Und dieses Mal fahren wir auch sehr viel näher an Miss Liberty vorbei, ich kann die Menschen unten am Hafen sehen und oben auf der Krone, sie ist sehr grün und sehr hübsch und von sehr viel Wasser umgeben, von viel mehr Wasser, als ich gedacht hätte.

Der Hafen, ach, alle Häfen sind von hier aus sehr weit weg. Die Stadtsilhouette zieht sich in die Länge und ist immer noch beeindruckend, jetzt sieht man erst, wie groß das alles ist, wie viel Platz New York einnimmt, und das ist nur eine Wasserseite von vielen. Möwen fliegen an mir vorbei, und ich frage mich, wie die das eigentlich aushalten, es ist nämlich geradezu unfassbar kalt auf dem Wasser, mit dem Fahrtwind und den Böen, die von allen Seiten kommen. Es ist so kalt, dass mir die Fingerspitzen taub werden und ich spüre, wie ich unter dem Anorak auskühle. Zusammen mit drei anderen Frauen bleibe ich solange draußen wie es geht, inklusive auf der Stelle hüpfen, zittern und fluchen, aber auf der Hälfte des Weges kapitulieren wir eine nach der anderen und flüchten nach drinnen. Hier braucht es definitiv andere Kleidung als normale Winterkleidung. Aber schön war es. Sehr, sehr schön. Wasser, Sonne, Panorama, Möwen, Himmel und Miss Liberty. Ein perfekter Tag.

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