Ausgelesen: Commissaire Le Floch & das Geheimnis der Weißmäntel. Von Jean-François Parot.

Oh, ich liebe richtig gut gemachte historische Kriminalromane, und dieser hier ist wirklich richtig, richtig gut gemacht. Der 19jährige Nicolas Le Floch wird von seinem Patenonkel aus der Provinz nach Paris geschickt, um dort Karriere bei der Polizei zu machen. Er wird vom Polizeipräfekten, einem Vertrauten König Ludwigs XV, privat bei Polizeikommissar Lardin untergebracht und mit einem anscheinend leichten Fall beauftragt, um sich mit der Polizeiarbeit vertraut zu machen und getestet zu werden. Dann stirbt sein Vormund, er muss in die Bretagne zurück, um dessen Beerdigung beizuwohnen, entzweit sich bei dieser Gelegenheit mit seinem Patenonkel, weil der die Liebe zwischen seiner Tochter und Nicolas ablehnt und kehrt danach geknickt wieder nach Paris zurück. Dort nehmen die Ereignisse mächtig Fahrt auf, aus dem „leichten“ Fall wird eine Staatsaffaire und Nicolas muss zeigen, aus welchem Holz er geschnitzt ist.

Der Kriminalroman ist dieses Mal wirklich wert, so bezeichnet zu werden – Krimi reicht hier nicht aus. Das Paris des 18. Jahrhunderts wird so eindrücklich beschrieben, dass ich das Gefühl hatte, dabei zu sein. Wenn Le Floch durch die Straßen eilt, Verliese und Bordelle durchsucht, kurz etwas isst und seinen Mantel enger um sich zieht, weil es eisig kalt ist, bekommt man selber eine Gänsehaut und spürt die gelaufenen Kilometer unter den Fußsohlen. Paris atmet, lebt, liebt und stinkt, und man ist dabei und sieht es mit jeder gelesenen Zeile deutlicher vor Augen. Hier ist nichts romantisch verklärt oder mit Weichzeichner versehen, alles ist höchst realistisch und am Ende ist man ein bisschen traurig, weil das Buch vorbei ist, aber doch sehr froh, dass man heute lebt und nicht vor zweihundertfünfzig Jahren, als man sehr viel Glück haben musste, in die richtige Gesellschaftsschicht hineingeboren zu werden. Wenn es nämlich die falsche war, hatte man voraussichtlich kein allzu langes Leben. Und auch kein allzu schönes. Diese Darstellung des vergangenen Lebens ist für mich der größte Reiz des Buches, neben der schön altertümlichen Sprache, in die man sich erst ein paar Seiten lang einlesen muss. Dann aber passt sie hervorragend zur Geschichte. Der Kriminalfall dominiert das Buch ebenfalls, die privaten Verwicklungen Le Flochs machen nur einen sehr kleinen Teil der Geschichte aus, aber beides geht interessanterweise völlig in der fast rauschhaften Darstellung der französischen Hauptstadt im Jahr 1761 auf. Der Kriminalfall macht es erst möglich, so tief in die Häuser, Straßen und Abgründe der Stadt einzutauchen, die oberen Gesellschaftsschichten genauso zu beleuchten wie die unteren – ein wunderbarer Vorwand quasi, um eine bildgewaltige, sinnesfreudige Abhandlung über eine vergangene Zeit zu schreiben. Und wenn es so ist – gerne! Mehr davon!

Ein klein wenig leid tat es mir aber doch um die kleine Distanz, die durch die Schreibweise zu den Figuren entstand. Ein klein wenig mehr Emotion, etwas mehr Betroffenheit bei der Entlarvung Verdächtiger, und schon wäre ich näher dran gewesen. Der Fall selber ist ein solider Plot ohne große überraschende Wendungen, er erinnert an reale Polizeiarbeit, mit schriftstellerischen Freiheiten natürlich. Es kann aber auch einfach die männliche Sicht des Autors auf die Dinge sein, und eigentlich jammere ich hier auf sehr hohem Niveau. Lieber feiere ich eine wirklich gelungene, neue Kriminalromanreihe, die in Frankreich längst Kult-Status hat und es hoffentlich in Deutschland schafft, komplett übersetzt zu werden.

Vielen Dank an Karo, aufgrund deren Rezension ich das Buch gekauft (und genossen) habe!

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