Zeitreise

Neulich habe ich einen Ausflug in eine andere Zeit gemacht. Zusammen mit Freunden war ich bei einem Rudelsingen in einem Dorf hier in der Nachbarschaft. Das Dorf hat ein paar hübsche Lädchen, einen Edeka, eine Ampel und das alte Gasthaus, dessen großer Saal gut restauriert ist, mit mächtigen alten Holzbalken, Stäbchenparkett und weißen Wänden. Dort findet in regelmässigen Abständen das Rudelsingen statt, und weil ich Singen liebe, dachte ich, das könnte man doch mal ausprobieren.

Es kamen gut siebzig Leute, überwiegend grau- und weißhaarig, teils geübte Sänger aus einem untergegangenen Chor, teils ungeübte aber eifrige Gernsinger. Siebzig Leute in einem Dorf am Montagabend – das ist wirklich nicht schlecht. Es gab fotokopierte Liedblättchen für 50 Cent, dazu selbstgebackenen Marmorkuchen, weil sie beim letzten Mal „Marmor, Stein und Eisen bricht“ gesungen hatten. Als es losging, warf ich vorsichtige Blicke auf meine Begleiterinnen, denn das Programm im 50 Cent Heftchen sah etwas andere Lieder vor, als ich gehofft hatte, eine Mischung aus populären Liedern aus den fünfziger und sechziger Jahren und Volksliedern, dazu einige neuere Stücke im selben Stil. Die Texte – eieiei. Sag Dankeschön mit roten Rosen, ja, durchaus, aber das Frauenbild in dem Lied ist dann doch ein klein wenig gestrig. Aber: Es herrschte durchweg gute Laune im Saal, niemand störte sich an Liedauswahl oder Texten, und so nach und nach wurde mir klar, dass wir gerade eine Zeitreisemaschine betreten hatten. Die Anwesenden bewegten sich in einer Parallelwelt, in der es völlig normal war, dass die Frauen zuhause blieben und sich um die Kinder kümmerten, in der man selbstverständlich textsicher deutsches Liedgut sang, in der die Mundorgel jedem ein Begriff war. In dieser Zeit ist es auch normal, dass es keinen Beamer oder PC gibt, sondern kopierte Textblätter und das der Abend weit von Perfektion und Fernsehwirklichkeit entfernt ist. Man kennt sich, kauft Schuhe und Kleidung im selben Laden, die Frisuren ähneln sich. Zusammen ist man alt geworden, hat die Vorlieben aus der Jugendzeit bewahrt und macht mit Begeisterung das, was man schon seit Jahren tut: Singen. Und moderieren, Soli singen und noch einmal in der Menge baden und Applaus bekommen, und zumindest das scheint dann in beiden Welten gleich gut zu funktionieren.

Trotz allem Unperfekten kann ich nichts finden, was an dem Abend verkehrt war. Wir haben die Lieder mitgesungen, soweit wir sie kannten, das Gehirn ausgeschaltet, und so war es ein besonderer Abend. Es fehlten nur die hübschen Kleider aus den Fünfzigern, und eine Milchbar wäre auch nicht übel gewesen. Aber dafür gab es Marmorkuchen und Einblicke in eine Parallelwelt. Ich frage mich, wie wir wohl in dreißig Jahren auf Jüngere wirken werden – und was werden wir singen? Adele? Roger Cicero? Udo Jürgens? Ich für meinen Teil hätte nichts dagegen, wenn „Sah ein Knab ein Röslein stehen“ dann auch wieder mit dabei wäre.

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