Nichts weiß ich

Wenn man erst mal ein fortgeschrittenes Alter erreicht hat (so wie ich), dann meint man ja, man kennt die Menschen. Warum sie Dinge tun. Oder lassen. Vom Standpunkt der weisen Alten herab lächelt man milde und blickt entspannt hinter die Kulissen, denn die eigene Lebenserfahrung erlaubt einem tiefe Einblicke in das Leben anderer Menschen. So weit, so gut.

Heute Abend fuhr ich gemächlich mit dem Fahrrad durch die Stadt, um am Fluss zu verweilen und mich meiner Altersweisheit zu erfreuen, als mich plötzlich von der einen Seite ein Polizist anpfiff, während sich auf der anderen Seite zwei schwitzende, keuchende Jogger vor mein Rad warfen. Zumindest schien es einen Moment lang so, wobei ich das durchaus verstanden hätte, ich meine: Joggen? Wer macht denn so was freiwillig? Aber egal, so war es natürlich nicht, die Jogger verschwanden nach links, nachdem sie mir böse Blicke zugeworfen hatten, und während der Polizist mich aus der Bahn scheuchte, begriff ich endlich, dass ich mitten in der Laufstrecke des Stadtmarathons stehengeblieben war. Interessant! Mögliche Feldstudien! Zwei Minuten (und acht kreuzende Jogger) später saß ich auf einer Bank an der Laufstrecke. Eine halbe Stunde später saß ich immer noch da, fasziniert und mit der Erkenntnis, dass ich überhaupt nichts weiß über andere Menschen.

Joggen ist super, das kann man überall nachlesen, gut für die Gesundheit, die Fitness und so weiter, und bei einigen Läufern sah das tatsächlich auch so aus, federnd und athletisch rannten sie mit raumgreifenden Schritten an mir vorbei, und ich fühlte mich unweigerlich an Gazellen im Sprung erinnert. Die sehr viel größere Mehrheit allerdings keuchte schwitzend unter Schmerzen am Rande der Verzweiflung an mir vorbei, und wenn Blicke töten könnten, wären alle Schlachtenbummler am Rand der Strecke mit ihren aufmunternden Rufen vermutlich geradewegs in der Hölle gelandet. In der Joggerhölle, ohne Wasser und barfuß. Bei einigen hatte ich das dringende Bedürfnis, kühlen Saft und warme Handtücher zu reichen und tröstend über den Rücken zu streichen. Andere hätte ich am liebsten direkt in den Rettungswagen verfrachtet. Eine Frau mittleren Alters rief den Begleitfahrradfahrern verzweifelt zu: „Bin ich die letzte? Ich will nicht die letzte sein!“, während sie von einem der Gazellenläufer graziös überrundet wurde. Einer der Läufer stieß alle zehn Sekunden eine Art Schrei aus, der an alte King Kong-Filme erinnerte, und zwar in der Szene, wenn er auf der Spitze des Wolkenkratzers sitzt und auf seine Brust trommelt.

Um es zusammenzufassen: Es war ein Erlebnis. Und ich weiß jetzt, dass ich nichts weiß. Ich habe absolut keine Ahnung, warum Menschen joggen, wenn sie keine Gazellengene besitzen. Andere Menschen sind unbekanntes Gelände. Aber (und ich hob meinen altersweisen Zeigefinger): Da kann man schöne Ausflüge zusammen machen, in das unbekannte Gelände. Aber nur gehend, und niemals, unter keinen Umständen, joggend!

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