Ausgelesen: Das unerhörte Leben des Alex Woods. Von Gavin Extence.

Letztes Jahr habe ich zwei dieser kleinen Leseprobenhefte geschenkt bekommen, und wisst ihr was? Sie haben ihren Lebenssinn erfüllt, ich habe nämlich beide Bücher gekauft. Eins davon ist „Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat“. Es versteht sich von selbst, warum dieser schlangenähnliche Titel nicht komplett in die Überschrift gepasst hat :).

Alex Woods ist ein besonderes Kind, und das war er auch schon, bevor er im Badezimmer von einem Meteoriten am Kopf getroffen und k.o. geschlagen wird. Er hat andere Interessen als seine Mitschüler, ist an Zahlen, Daten und Fakten interessiert und will alles immer ganz genau wissen. Wissenschaftliches Denken ist ihm angeboren, und das macht das Leben mit einer hellseherisch engagierten Mutter nicht immer ganz einfach, aber sie haben sich gern und arrangieren sich.

Nachdem der Meteor ihn für alle Zeiten zu einem wirklich außergewöhnlichen Jungen mit einer Narbe am Kopf gemacht hat, wird die Schule schwierig für ihn. Außerdem bekommt er epileptische Anfälle, vermutlich verursacht durch den Aufprall des Meteoriten, was ihn für seine Mitschüler zu einem noch lohnenderen Ziel formt. Und so kommt es, dass er auf der Flucht vor Mitschülern im Garten von Mr. Peterson landet, dabei eine Hecke und ein Gewächshaus zerstört, sich entschuldigen muss und in der Folge Wiedergutmachung in Form von Hilfsdiensten bei Mr. Peterson leisten muss. Und damit beginnt eine wahrhaft ungewöhnliche, wunderbare Freundschaft.

Diese Freundschaft und die Figur des Alex Woods haben den Roman für mich lesbar gemacht. Wer wünscht sich das nicht, eine Freundschaft, die durch alle Höhen und Tiefen hindurch nie aufgegeben wird, die den anderen bis in den Tod begleitet – glücklich, wer solche Freunde hat. Und Alex Woods hat durchaus heldenhafte Züge, sie sind zwar gut versteckt unter seinen besonderen Eigenarten, aber vorhanden. Treu, ehrlich, intelligent ist er auch – was will man mehr? Nichtsdestotrotz bin ich sehr zwiegespalten, denn auf der einen Seite ist das ein gut geschriebenes Buch mit Botschaft, aber auf der anderen Seite ist genau das mein Problem. Ich mag es nämlich nicht, wenn mir von hinten durch die Brust ins Auge eine Botschaft beigebracht werden soll. Im ersten Drittel geht das Buch um Alex, im zweiten Drittel um Alex und Mr. Peterson und ihre Weltsicht, im letzten Drittel wird es zu einem Buch, das vehement für Sterbehilfe wirbt. Und da bin ich wirklich zerrissen. Eigentlich bin ich der Meinung, dass das Leben jedes einzelnen Menschen kostbar ist und nicht freiwillig aufgegeben werden sollte, denn jeder hat nur eins davon. Aber andererseits sehe ich auch, dass es Situationen und Krankheiten gibt, die niemand ertragen müssen sollte. Auf der einen Seite denke ich, es gibt gute Gründe, warum in vielen Ländern Sterbehilfe verboten ist. Auf der anderen Seite sollte aber jeder das Recht haben, sein Leben in Würde zu beenden, wenn er das so will. Andererseits: Kann man wirklich bei allen Menschen, die diesen Wunsch haben, sicher sein, dass sie nicht von anderen beeinflusst wurden und sich ohne diesen Einfluss nicht vielleicht doch anders entschieden hätten? Letztlich weiß man es nicht, aber sicher ist, dass Entscheidungen für oder gegen etwas viel leichter fallen, wenn man nicht selber betroffen ist. Wenn es einen dann selber trifft, sehen die Dinge wieder ganz anders aus. Es ist ein endloses Thema, bei dem es keine Verallgemeinerungen geben sollte – jeder Mensch ist sein eigenes Universum, hat seine eigene, ganz persönliche Geschichte und Gründe, von denen nur er weiß.

Ich bin wirklich zwiegespalten. Und ich habe ein Unbehagen empfunden, als ich das letzte Drittel des Romans gelesen habe, das nicht mehr verschwand. Es ist konsequent aus der Sicht eines Befürworters geschrieben. Mr. Peterson hat die Art von Krankheit, bei der alle zustimmen würden, dass ein Leben damit schrecklich wäre, ich sehe das genauso. Alex ist die Art von Helfer, dem man keinerlei Eigennutz unterstellen würde, er ist selbstlos, ein großartiger Freund in der Not, viel erwachsener als andere 17jährige Jugendliche in seinem Alter und praktischerweise hat er von Mr. Peterson Autofahren gelernt, so dass er ihn in die Schweiz in eine Sterbeklinik fahren kann. Beide glauben nicht daran, dass nach dem Tod noch etwas kommt, Religion ist kein Thema für sie. Die Mitarbeiter der Klinik in der Schweiz sind zu 100% reine Humanisten, was ja eigentlich etwas gutes ist, aber hier fügt sich alles dermaßen gut zusammen – das war mir einfach zu einfach.

An und für sich ist es ein gut geschriebenes Buch mit sympathischen Charakteren, leicht skurrilen Ereignissen, einer konsequenten Weltsicht mit ebenso konsequentem Ende. Das kann einem gefallen oder auch nicht, und ich fürchte, mir hat es nicht gefallen, vor allem, weil ich es nicht habe kommen sehen – das Buch fing harmlos an mit einer Geschichte um einen interessanten Außenseiter und arbeitete sich dann vor zu einem völlig anderen, sehr ernsten Thema, das mit dem Anfang des Buches nicht mehr viel zu tun hatte. Viele Handlungsstränge sind auf dem Weg zu diesem Thema auf der Strecke geblieben oder zu reinen Erfüllungsgehilfen hin zum eigentlichen Thema des Buches verkümmert. Mir sind schon öfter Bücher mit Botschaft begegnet, und mir ist immer lieber, ich weiß von Anfang an, was ein solches Buch von mir will. Dann kann ich frei entscheiden, ob ich es lesen möchte oder nicht, aber sich so anzuschleichen und mich hinterrücks zu überrumpeln? Naja.

Schade eigentlich. Alex Woods ist mir nach wie vor sehr sympathisch. Nur mit dem Autor, da fühle ich mich nicht wohl.

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