Ausgelesen: Shadowmarch – Die Dämmerung (Band 3). Von Tad Williams

Nachdem ich Teil 1 und Teil 2 dieser Reihe schon bearbeitet habe, folgt nun Teil 3.  Die Geschichte schreitet mit großen Schritten voran, und es wird eine Ahnung des großen Plans sichtbar. Einige der Hauptfiguren sind deutlich erwachsener geworden oder haben sich weiterentwickelt, es gibt interessante Wendungen. Andere bleiben sich treu und man freut sich, wenn man in ihre Kapitel springt. Mehr kann ich leider zur Handlung nicht sagen, ohne zu viel zu verraten, deswegen hier mehr zu einem Dichter und zu einem Volk, das sehr hoch oben lebt.

Matthias Kettelsmit, auch Matty Kettelsmit genannt, ist ein Dichter – oder möchte gern einer sein. Er hat große Ambitionen, aber leider kein Geld, keinen Erfolg und kein Glück. Er ist kein Held und kommt nur durch Zufall in die Südmarksburg, wo Briony Eddon ihn bemerkt und in einer Mischung aus Verachtung und Belustigung zum Hofdichter macht, ohne je irgendetwas größeres von ihm zu erwarten. Matty gehört nicht zu den Leuten, denen irgendetwas einfach in den Schoß fällt, und gerade das macht ihn so sympathisch. Ihn begleitet eine Serie von Pleiten, Pech und Mitmenschen der unangenehmsten Art, die sich in seiner Gegenwart nicht wie von Zauberhand bessern, sondern es schaffen, immer noch eine Stufe schlimmer zu werden. Er schlängelt sich irgendwie durch, immer voller Furcht vor dem, was als nächstes passieren könnte, und man kann sicher sein, es wird auch passieren. Als Matty sich verliebt, ist es natürlich eine unerwiderte Liebe, und hier wächst er über sich hinaus. Selbstlos kümmert er sich um die Geliebte, verhilft ihr zur Flucht, sorgt für sie und bringt sich dabei selber in Gefahr. Auch hier geht es wieder nicht ohne Pannen und Demütigungen für ihn aus, nichts läuft reibungslos, überall lauern Versagen und Entdeckung. Aber er lernt fürs Leben und für seine Kunst, und wenn er am Anfang noch latent unsympathisch daherkam, wächst er einem über die Zeit ans Herz und man hätte so gern ein gutes Ende für ihn… aber das entscheidet natürlich der Autor allein. Tad Williams schreibt hier einen ganz normalen Menschen in die Geschichte, der uns durch die oberen Gänge der Südmarksburg begleitet, als sie von allen anderen Helden der Geschichte verlassen wird, und er schafft eine Verbindung zum normalen Dorfleben unterhalb der Burg. An Matty ist nichts übermenschlich groß, beeindruckend oder heldenhaft. Er ist zutiefst menschlich und hat schlechte und gute Momente, und wenn er gute hat, fiebert man mit ihm mit und leidet, wenn es wieder schief geht. Eine der schönsten Figuren der Reihe, wie ich finde.

Eines der liebenswertesten Völker in Shadowmarch sind die Dachlinge, daumengroße Wesen, die auf den Dächern der Burg und in ihren Zwischenwänden leben. Sie verstecken sich seit Generationen vor den Menschen und sind deswegen zur Legende geworden. Sie sind klein, aber außerordentlich tapfer und wagemutig, und ihre Größe stellt für sie keinerlei Hindernis dar und gibt auch keinen Anlass zu Selbstzweifeln. Als Reittiere nutzen sie Vögel, Fledermäuse und Ratten, und von allen verehrt wird ihre gütigste Majestät Königin Altania. Giebelgaup, der königliche Bogenschütze, spielt eine kleine, aber außerordentlich wichtige Rolle, und am Ende wissen wir, dass die Größe eines Wesens absolut nichts bedeutet. Mich hätte vieles in Zusammenhang mit diesem Volk sehr interessiert (wo leben sie genau? Wie funktioniert ihre Gesellschaft? Warum und wie sind sie auf Südmarksburg gelandet?), aber ich schätze, es war einfach nicht genug Platz für mehr, und da niemand der Hauptfiguren sich in die Welt der Dachlinge begeben kann (sie sind einfach zu groß dafür!), hätte es hier einen gesonderten Erzählstrang geben müssen. Und dafür sind sie dann wieder nicht wichtig genug. Aber das macht überhaupt nichts, so sind sie wie der Zucker im Kaffee, oder wie der Nachtisch bei einem guten Essen – sie machen es erst rund.

Und rund wird es dann auch bei Band 4, mit dem ich die Reihe hier im Blog demnächst abschließen werde. Ach ja, wieder gelesen auf dem e-book-Reader.

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