Ausgenossen: Monat für Monat. Gedichte.

Ach ja, Gedichte. Komprimierte Schönheit auf kleinem Raum. Oder auch Wut, Liebe, Leiden, Freude, Erinnern, Sehnen in Ein-Raum-Kammern. Gedichte laufen nicht aus wie manche Geschichten, sie begrenzen sich freiwillig, und je mehr man weglässt, desto besser werden sie. Wenn man nichts mehr weglassen kann, dann sind sie so, wie sie sein wollen – kleine Pfeile, die treffsicher ihr Ziel finden, wenn sie für uns bestimmt sind.

In diesem Reclam-Bändchen sind viele von ihnen versammelt, alte und neue Dichter treffen sich auf einen kleinen Plausch, das sechzehnte Jahrhundert steht neben dem zwanzigsten, und alle haben ihren Raum, ihre Worte, ihre Ziele. Zusammen wandern sie durch das Jahr, der Frühling wird bejubelt, der Sommer gefeiert, im Herbst regiert die große Melancholie und der Winter ist ein kalter König, dem man mit Wörtern aus Licht begegnet.

Das Buch hat mich das ganze letzte Jahr begleitet, und dafür, dass es ein Zufallsfund an der Kasse eines Buchladens war, ist es mir sehr ans Herz gewachsen. Mit Kurt Tucholsky endet dieser Blogeintrag:

Nicht! Noch nicht!

Ein leichter Suff umnebelt die Gedanken.
Verdammt! Der Frühling kommt zu früh.
Der Parapluie
steht tief im Schrank – die Zeitbegriffe schwanken.

Was wehen jetzt die warmen Frühlingslüfte?
Ein lauer Wind umsäuselt still
mich im April –
die Nase schnuppert ungewohnte Düfte.

Du lieber Gott, da ist doch nichts dahinter!
Und wie ein dicker Bär sich murrend schleckt,
zu früh geweckt,
so zieh ich mich zurück und träume Winter.

Ich bin zu schwach. Ich will am Ofen hocken –
die Animalität ist noch nicht wach.
Ich bin zu schwach.
Laternenschimmer will ich, trübe Dämmerung und dicke Flocken.

2 Gedanken zu „Ausgenossen: Monat für Monat. Gedichte.

  1. Eine schöne Zusammenfassung mit einem passend ausgewählten Gedicht. Der Frühling kündigte sich ja dieses Jahr schon Anfang Januar mit Schneeglöckchen und Winterlingen an. Aber nun, wo es doch noch etwas kälter geworden ist, verharren sie in eisiger Starre. Aber bald, schon bald ist’s soweit. Dann breitet er sich überall aus. Und ich – ich werde die Trübe und die Flocken nicht vermissen. 😉

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