Ausgelesen: Unterleuten. Von Juli Zeh. Gelesen auf dem e-book Reader.

Mannomann. Das war vielleicht ein Buch. Es gibt manchmal Unterströmungen in Flüssen, und in der einen Sekunde dachte man noch, ach, wie schön, nettes, ruhiges Wasser und in der nächsten Sekunde wird man einfach weggezogen – genauso ging es mir mit Unterleuten. Unterleuten ist ein kleines Dorf mit zweihundert Einwohnern in der ostdeutschen Provinz, etwa eine Autostunde von Berlin entfernt, gefühlt aber etwa einhundert Lichtjahre von Berlin entfernt. Es geht um Einheimische, Zugezogene, Lebensläufe, Verstrickungen, Windräder und um Recht. In diesem Buch weiß jeder, dass er im Recht ist, und aus diesem absoluten Wissen entwickeln sich unentwirrbare Verstrickungen. Anfangs dachte ich noch ganz naiv, ja klar, der hat Recht und das wird im Laufe der Geschichte auch rauskommen, daraus wird sich Gerechtigkeit entwickeln und es wird einigermaßen fair zugehen. Geht es aber nicht. Denn in dieser Geschichte gibt es nur Ahnungen von Wahrheit, niemals Gewissheiten, die Wahrheit dreht und wendet sich mit jeder neuen Person, die der Überzeugung ist, sie sei im Recht.

Als Leser nimmt man anfangs einfach fasziniert am  Dorfleben und an den Innensichten der zwölf Personen teil, die die Hauptprotagonisten sind. Es entfalten sich komplexe Denkstrukturen, Weltansichten, Überzeugungen und Gründe, und plötzlich schmerzt es, wenn die eigene Welt und diese fremde aufeinandertreffen, man möchte sagen, nein, siehst du, hier liegst du falsch, denn ich habe Recht und prallt zurück, denn genau dasselbe hat die geschriebene Figur gerade auch über ihre Weltsicht und ihr Recht gesagt. Und weil man gerade ganz genau erklärt bekommen hat, warum die fremde Weltsicht die richtige ist, kann man auch nicht mehr einfach behaupten, der andere läge falsch – denn das tut er nicht mit seiner Vorgeschichte, seiner Persönlichkeit und seinen Erfahrungen. Als Leser ist man in diesem Buch im Vorteil, aber in einem schmerzlichen Vorteil: Man möchte ständig in die Handlung hineinschreien, seht ihr denn nicht, warum die Leute tun, was sie tun? Wenn ihr doch nur wüsstet! Aber sie wissen eben nicht. Und so entsteht im Laufe der Handlung ein immer stärkerer Sog, die Ereignisse schrauben sich immer enger zusammen, bis es schmerzhaft wird, und man ahnt, fürchtet, weiß: Es gibt kein Entrinnen. Alle haben Recht, und Leute, die sich im Recht wissen, sind furchtbar. Irgendwo steht es so ähnlich im Buch, und so passiert es auch.

Die Sprache in diesem Buch ist klar, präzise, nie zu knapp, treffsicher und mitreissend. Es sind 600 Seiten, die man so schnell nicht vergessen wird, ebensowenig wie Schaller, Krohn, Grombrowski, Franzen oder Meiler. Schrecklich und zugleich tragisch fand ich Fließ. Außerordentlich mutig geschrieben war Krohns Enkeltochter, eine Aussensicht auf eine fünfjährige, bei der man nie sicher sein kann, was nun Wahrheit ist, denn es gibt keine Innensicht von ihr in dem Buch. Und das ist es, was für mich bleibt: Solange man in einen Menschen nicht hineinsehen kann, wird man nie wissen, was wirklich passiert ist, nicht einmal dann, wenn er es einem erzählt. Denn – ist das die Wahrheit? Oder nur eine geschönte Version? Oder vielleicht eine alternative Wahrheit? Nur der Mensch selber weiß es. Und das bedeutet, es gibt keine ultimative Wahrheit und niemand kann sich jemals in allen Dingen im Recht wissen. Abseits der Rechtsprechung gibt es Millionen Rechteinhaber auf der Welt. Sie sind viele. Und sie sind unbarmherzig.

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