Gewinn und Verlust

gewinnverlustEs gibt nicht viele Konstanten im Leben. Wenn man ganz genau und pingelig hinsieht, sind es sogar ausgesprochen wenige. Die Augenfarbe zum Beispiel, die bleibt einem erhalten, genauso wie die ein oder andere Vorliebe, für Süßes oder Salziges vielleicht. Was auf jeden Fall bleibt und einen das ganze Leben lang begleitet, ist eine ständige Gewinn- und Verlustrechnung. Wer genau hinsieht, kann sie auf den Stirnen der Menschen ab und zu aufflackern sehen, wie die täglichen Börsenkurse aus den Finanzseiten der Tageszeitung.

„Schon wieder ein Jahr älter – jetzt habe ich schon mehr als die Hälfte meines Lebens rum…“

„Ich liebe Bernd – aber Stefan kenne ich so gut wie niemanden sonst…“

„Die Beförderung ist durch! Mehr Geld, endlich! Den Kleingarten werde ich wohl aufgeben müssen, das schaffe ich zeitlich nicht mehr…“

Man gewinnt und verliert, die ganze Zeit, jeden Tag. Das ist normal. Wir gewinnen an Erfahrung und verlieren die Jugend. Die Haarfarbe ändert sich dramatisch, aber wir genießen den Besuch beim Friseur. Wir verlieren die erste Liebe und gewinnen Erinnerungen. Freundschaften gehen auseinander, weil ihre Zeit vorüber ist. Diese Zeit investieren wir in andere Menschen, deren Beziehung zu uns sich deswegen verändert – weswegen sich weitere Dinge ändern werden.

Schwer ist es, wenn der Börsenkurs meines Lebens sich nur nach unten zu neigen scheint und es so gar keine Aufwärtstendenz gibt, oder wenn man dazu neigt, nur noch die Abwärtsbewegungen wahrzunehmen. Dann könnte es Zeit sein für die kleinen Dinge:

Den Cappuccino am Morgen. Das spannende Buch, das seit Monaten herum liegt und auf mich wartet. Sonnenschein. Eine Postkarte schreiben an lange nicht gesehene Freunde. Vielleicht hilft es auch, meinen persönlichen Börsenkurs eine Zeitlang einfach nicht zu beachten und ganz bewusst für alles zu danken, was gut war an meinem Tag. Zu versuchen, innerlich mehr Zeit mit den Aufwärtsbewegungen zu verbringen als mit den Abschwüngen.

Gewinn und Verlust – beides ist immer da, und das eine gibt es nicht ohne das andere. Manchmal macht ein Verlust einen Gewinn überhaupt erst möglich. Es hilft, das im Hinterkopf zu behalten, wenn die Bilanz gerade wieder gnadenlos abstürzt. Wer weiß schon, was kommen wird? Niemand – und das ist auch gut so.

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